FRIGO
Ein farbenreiches Debütalbum im Klaviertrio-Format, geprägt von modernem kreativem Jazz, kompositorischer Tiefe und einer starken persönlichen Handschrift.
An Klaviertrios herrscht in der zeitgenössischen Jazzszene wahrlich kein Mangel, und doch gibt es immer wieder Musiker, die es schaffen, diesem vermeintlich vertrauten Format neue Facetten abzugewinnen und ihre Hörer mit originellen Ideen zu überraschen. Justin Zitt ist ein solcher Künstler und präsentiert mit seinem Trio Frigo ein vielschichtiges und farbenreiches Debüt. Als Pianist und Komponist ist Zitt ganz nah am Puls des modernen Creative Jazz, verarbeitet Einflüsse aus Neuer Musik und Jazz mit bemerkenswerter Souveränität, spannt große Bögen, ohne dabei jemals das Publikum aus dem Blick zu verlieren. Seine Stücke glänzen mit polyrhythmischen Strukturen und der Mehrdimensionalität erweiterter Harmonien; trotz aller detaillierten Raffinesse wirken sie immer lebendig und vermitteln eine Intensität, die sich sowohl intellektuell als auch emotional speist.
„Ich möchte, dass meine Musik beide Herangehensweisen widerspiegelt – zum einen eine tiefgehende Auseinandersetzung mit dem Thema Komposition und zum anderen meinen intuitiven Zugang“, erklärt Justin Zitt. Sein Ziel ist es, mit sorgfältig durchdachten Konzepten ein Statement zu setzen, es aber zugleich durch emotionale Ausdruckskraft greifbar zu machen. Entsprechend vielfältig sind die Inspirationsquellen, aus denen sich die Kreativität des jungen Musikers speist. Penuel etwa entstand unter dem Eindruck einer einwöchigen Arbeitsphase mit der New Yorker Starpianistin Kris Davis. Toleranzangst hingegen ist das Ergebnis einer intensiven Auseinandersetzung mit Polyrhythmen. „Im Grunde steht das Stück im 7/4-Takt, aber auch 5/4, 9/8 und 11/8 werden kombiniert. In den Soli wählen wir das Metrum frei, weil die Überlagerungen verschiedener Takte Sinn ergeben. Wir haben ziemlich lange geübt, bis das funktioniert hat“, lacht der Bandleader.
Justin Zitt beschreibt drei Gruppen von Einflüssen, die seine Vorstellungskraft als Komponist und Musiker besonders prägen. Da sind zum einen die komplexen Rhythmen und Texturen von Robert Landfermanns Neon Dilemma mit Elias Stemeseder, das Trio Punkt.Vrt.Plastik und Felix Hauptmanns Band Percussion. Hinzu kommt europäische Kunstmusik des späten 19. und 20. Jahrhunderts, darunter die harmonischen Ideen Messiaens, die Klangfarben Debussys, Alban Berg und andere. Die Grundlage für Divided Into One entstand so aus einer Beschäftigung mit Boulez’ Notations. „Das Stück beginnt mit zwölf Tönen, die Reihe bleibt erhalten, wird aber in Harmonie übersetzt“, erklärt Zitt. Die dritte Säule ist für ihn die Tradition des amerikanischen Jazz, insbesondere die dort entwickelten Möglichkeiten, über Formen zu improvisieren – von Bud Powell und Monk bis hin zu Sullivan Fortner und Craig Taborn.
Seine beiden Bandkollegen lernte Justin Zitt an der Hochschule für Musik Mannheim kennen und schätzen. „Beide sind extrem sensibel und hören sehr aufmerksam zu. Unser Zusammenspiel basiert auf großem Vertrauen, was mir viel Sicherheit gibt“, sagt der Pianist erfreut. Seit rund vier Jahren spielt das Trio Zitts Kompositionen, und seit 2023 stehen sie damit auch auf Bühnen in ganz Deutschland. „Als wir im Februar 2024 ins Studio gingen, hatten wir fast alle Stücke bereits live gespielt. Einige waren über mehrere Jahre gereift, und wir haben sie immer wieder im Detail überarbeitet“, erzählt Zitt. „Dadurch konnten wir bei den Aufnahmen mit Variationen in Rhythmus und Harmonie arbeiten.“ Die Ergebnisse beeindrucken durchweg, teils faszinieren sie sogar – sei es durch ihre vielfältigen Metren einschließlich Quintolen, ihre wechselnden Stimmungen, ihr Farbenspiel oder den übergeordneten kreativen Impuls der Band.
Justin Zitt (*Juni 2002) setzte sich im Alter von fünf Jahren erstmals ans Klavier, und ab seinem zehnten Lebensjahr hatte er einen „sehr guten Lehrer, der nicht streng klassisch unterrichtete“. So fand Zitt über Gospel zum Jazz, ohne die klassische Musik aus den Augen zu verlieren. Er spielte in der Big Band seines Gymnasiums, und wenn er nicht am Klavier saß, ging er skateboarden. Kein unwichtiger Einfluss, wie Zitt grinsend erzählt: „Durch den Skatepark zu fahren ist ein bisschen wie sich durch Kompositionen zu bewegen – man geht durch den Parcours und denkt sich Dinge aus.“ Die Möglichkeiten des Klaviers, seine harmonischen und klanglichen Potenziale, faszinieren ihn heute genauso wie damals. „Der Flügel bietet eine riesige Fantasiewelt, in der man sich die absurdesten Dinge ausdenken und ein eigenes Universum erschaffen kann. Es ist ein bisschen wie der Creator-Modus in Videospielen: Man kann fliegen.“
2022 war Zitt Mitglied des Gutenberg Jazz Collective am Jazz Campus Mainz. Dort spielte er Konzerte mit Ingrid Jensen, Kris Davis, Becca Stevens, Billy Hart und anderen. Der aufstrebende Pianist trat außerdem mit Nils Landgren, Menzel Mutzke, Stefan Karl Schmid, Peter Gall, Wanja Slavin und weiteren Künstlern auf Bühnen in Deutschland, Frankreich und Großbritannien auf. Derzeit ist Zitt Stipendiat der Kunststiftung Baden-Württemberg und absolviert seinen Master in Amsterdam, zu dem auch eine Austauschpartnerschaft mit der New School in New York gehört. „Ich wollte in einer Stadt sein, in der viel passiert“, sagt er, „hier gibt es etwa 5–6 Konzerte am Tag, was sehr inspirierend ist.“
Justin Zitts feiner Sinn für Humor zeigt sich vielleicht eher zwischen den Noten seiner Musik. Ganz sicher zeigt er sich aber im Namen der Band. „Frigo“ entstand während einer Pokernacht“, sagt Zitt, „das Wort erinnert ein bisschen an Trio, deshalb erschien es mir passend. Auf Spanisch bedeutet es auch Kühlschrank. Ich finde, es vermittelt einen coolen Charme, eine Art verhüllte Coolness, und passt deshalb gut zu unserer Musik.“
Ob Justin Zitts Musik tatsächlich eine Art Coolness entwickelt, darf jeder für sich selbst entscheiden. Klar ist: Sie besitzt enorm viel Charakter. Zitts rhythmische und melodische Vorstellungskraft, seine stilistische Vision und die Klangsprache, die er gemeinsam mit seinen Mitmusikern erschafft, machen Frigo zu einer überraschenden und beeindruckenden Erfahrung, die das Debütalbum des Trios deutlich aus dem weiten Feld des Jazzpianos heraushebt.
— Norbert Krampf